20.10.2019 / Ratgeber

Einzelgänger sucht Gemeinde

Schüchternen und introvertierten Menschen fällt es manchmal schwer, Anschluss in einer Gemeinde zu finden. Unmöglich ist es jedoch nicht.

Das Neue Testament geht davon aus, dass Christsein von der Gemeinschaft mit anderen Christen lebt. Das fällt nicht jedem leicht. Um herauszufinden, ob christliche Gemeinschaft trotz mancher Hindernisse funktionieren kann, ist es zuerst einmal wichtig zu verstehen, wie das biblische Verständnis von Gemeinde ist.

Ein heiliger Ort auf dieser Welt

Jesus ist die in diese Welt hineingeborene unendliche Liebe. Diese Liebe blieb nicht theoretisch oder philosophisch, sondern äußerte sich darin, wie Jesus mit Menschen umging. Er lebte mit ihnen, teilte seinen Alltag, schöne und traurige Erlebnisse mit ihnen. Er half, tröstete, sprach Mut zu. Er forderte die Menschen aber auch heraus und korrigierte sie, wo es nötig war. In all dem lebte Jesus Gemeinschaft. Nach seiner Himmelfahrt verband sich Jesus untrennbar mit der christlichen Gemeinde. Durch sie möchte er jetzt seine dienende Liebe weitergeben (Matthäus 28,18-20).

Die Gemeinde ist der heilige Ort auf dieser Welt und Jesus ist in ihr gegenwärtig:

„Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich selbst in ihrer Mitte.“ (Matthäus 18,20).
 

Gemeinde ist da, wo sich Menschen treffen, weil sie an Jesus glauben, weil sie beten, im Glauben wachsen und ein Stück Alltag gemeinsam leben möchten. Der Heilige Geist befähigt diese Menschen zur Einheit und zur gegenseitigen vergebenden Liebe. Auch diese Liebe bleibt nicht bloß eine abstrakte Idee. Der Apostel Paulus vergleicht die Gemeinde mit einer Braut. Der Bräutigam ist Jesus (Epheser 5,25-27). Es gibt kaum ein ausdruckstärkeres Bild, um zu zeigen, wie sehr Jesus die Gemeinde liebt und wie eng die Verbindung zwischen ihr und ihm ist.

Gemeinde ist da, wo sich Menschen treffen, weil sie an Jesus glauben, weil sie beten, im Glauben wachsen und ein Stück Alltag gemeinsam leben möchten.

Eine Gemeinde ist also nicht in erster Linie eine Organisation oder eine bestimmte Struktur, sondern Ausdruck der Liebe Gottes zu seinen Kindern und zu den Menschen, die ihn suchen. Wer das begriffen hat, versteht auch eher, warum die Schreiber des Neuen Testamentes großen Wert darauf legen, dass ein Christ nicht ohne diese Gemeinschaft lebt (Hebräer 10,25).

Eine Gemeinde ist nicht in erster Linie eine Organisation oder eine bestimmte Struktur, sondern Ausdruck der Liebe Gottes zu seinen Kindern und zu den Menschen, die ihn suchen.

Soweit die Theorie. In der Praxis fällt es Christen aus unterschiedlichen Gründen jedoch immer wieder schwer, Anschluss an eine Gemeinde zu finden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden im Folgenden einige dieser Gründe aufgegriffen und Tipps gegeben, wie der Sprung ins Gemeindeleben vielleicht doch noch klappt.

„Das sind mir einfach zu viele Menschen auf einem Haufen“

Es gibt Menschen, die sofort mit scheinbar jedem Mitchristen auf einer Ebene sind und von Herz zu Herz sprechen können. Diesen Menschen fällt es nicht schwer, seelische Nähe zuzulassen, sich auf andere einzulassen. Herzlichkeit und unbekümmerte Offenheit sind Gaben, die das Beziehungsleben erleichtern. Introvertierten, vorsichtigeren Einzelgänger-Typen fällt das schwer. In der Begegnung mit extrovertierten Menschen kann für sie der Eindruck entstehen, dass sie auch so sein müssen, um dazu zu gehören. Dieser Druck – egal, ob er von außen kommt oder selbst gemacht ist -, bewirkt meist das Gegenteil, von dem, was es eigentlich bezwecken soll: Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen und das Zurückziehen in einen „Schutzraum“. Wird der Schutzraum zur dauernden Zufluchtsstätte, ist irgendwann Einsamkeit die Folge. Man kapselt sich immer mehr von anderen Christen und seinen Mitmenschen generell ab.

Für solche Menschen ist es sinnvoller, eine Beziehung zu einem Menschen seines Vertrauens zu führen, statt viele Beziehungen zu haben, die sie als eher oberflächlich empfinden. Es gibt viele Christen, die eine solche Zweierschaft pflegen und darin immer wieder die Stillung ihres Beziehungshungers finden. Es braucht Demut und kostet Überwindung, eine solche Beziehung aufzubauen, Hemmungen zu überwinden und seinen „Schutzraum“ zu verlassen.

„Hilfe, ich bin schüchtern“

Wer schüchtern ist, wäre gerne mehr mit anderen zusammen, aber er fühlt sich gehemmt, um von sich aus Kontakte zu knüpfen. Y. Dreblow kennt das aus eigener Erfahrung. Weil sie sich von ihrer Schüchternheit aber nicht unterkriegen lassen wollte, beschloss sie, zusammen mit einer anderen schüchternen Frau aus ihrer Gemeinde ganz bewusst auf Menschen zuzugehen: „Wir haben uns die berühmten 'W-Fragen' (z. B. warum..., wie..., weshalb...) zurechtgelegt, mit denen wir versucht haben, Gespräche anzufangen. Auf jeden Fall mussten die Leute so mehr sagen als nur Ja oder Nein. Das ist ganz schön schwer, aber wir versuchen es immer wieder – und es wird ganz langsam besser. Manchmal freuen sich die anderen sogar, wenn sie in dieser Weise angesprochen werden.“  

Ein solcher Schritt kostet Überwindung, ist auf alle Fälle aber ein Gewinn – nicht nur für Kontakte in der Gemeinde. Vielleicht ist es am Anfang hilfreich, sich für dieses „Experiment“ Personen auszusuchen, die man bereits ein wenig kennt oder die einem auf Anhieb sympathisch erscheinen. Im Idealfall ist der andere schon länger in der Gemeinde integriert und kann dabei helfen, weitere Gemeindemitglieder auf einem Geburtstag, beim Grillen oder in einem Hauskreis näher kennenzulernen. Selbst aktiv werden und auf andere zugehen, kann der erste Schritt zu tieferen Beziehungen innerhalb einer Gemeinde sein. Die anderen können schließlich nicht in einen hineinschauen und den Wunsch nach mehr Kontakt erahnen.

Wer darauf hofft, dass andere ihn endlich ansprechen, muss unter Umständen lange warten und wird am Ende möglicherweise frustriert aufgeben.

„Ich lebe gemeindetechnisch am Ende der Welt.“

In manchen Regionen und Städten Deutschlands wimmelt es nur so von Landes- und Freikirchen. In anderen Gegenden sind sie spärlich gesät. Oder es gibt eine Gemeinde vor Ort, diese passt jedoch nicht zum eigenen Frömmigkeitsstil. In beiden Fällen lohnt es sich, den Radius weiter zu stecken und auch im Umkreis zu suchen. Dazu noch einmal Y. Dreblow:

„Ich bin ein Berliner – also ein Großstädter. Das heißt aber nicht, dass meine Gemeinde 'gleich um die Ecke' liegt. Von 1989 bis 1999 war ich in einer Gemeinde, zu der ich pro Strecke zwischen 60 und 90 Minuten unterwegs war. Das hieß z. B., dass ich als aktives Mitglied des Gebetskreises mindestens 3 Stunden unterwegs war, um dort vor Ort eine Stunde zu beten. Ohne Führerschein und Auto kann das auf Dauer ganz schön hart werden, vor allem nachts. Trotzdem war es mir den Aufwand wert, zu meiner Gemeinde zu kommen, denn Gott hat mich durch diese Gemeinde beschenkt – es hat sich gelohnt.“

Weg von der selbst verordneten Armut

Nicht jeder bringt eine Motivation wie Frau Dreblow mit, wenn es darum geht, eine Gemeinde zu finden oder auf andere Menschen zuzugehen. Vielleicht regen ihre Erfahrungen aber doch dazu an, gezielt nach einer Gemeinde zu suchen. Sie schreibt:

„Gemeinde ist gemeinsames Leben mit anderen Christen! Das kann ich aus biblischer und eigener Erfahrung immer wieder nur bestätigen. Es reicht eben nicht, von Büchern und CDs zu lernen; das Gelernte will auch umgesetzt werden in Gaben und Berufungen. Ein Austausch darüber sollte mit anderen Christen stattfinden. Allein Christ zu sein, geht am Gedanken Gottes vorbei und führt in unserem Leben zu einer Armut, die nicht sein müsste. Gerade in Situationen, in denen es mir nicht so gut ging, konnte ich von der Hilfe meiner Gemeinde-Geschwister profitieren: finanziell, seelisch, geistlich. Andersherum konnte ich auch für meine Geschwister da sein und ihnen helfen.“

Das könnte Sie auch interessieren

17.06.2015 / Glaubens-FAQ

Gemeinde, wozu?

Zugeknöpft, eigenbrötlerisch, langweilig: Christliche Gemeinden haben nicht den besten Ruf. Stellt sich die Frage: Was hatte Gott eigentlich mit Gemeinde vor?

mehr

24.11.2018 / ERF Plus spezial

Alles auf Anfang – Gemeinde neu denken

Jörg Ahlbrecht lädt dazu ein, die Anfänge der Gemeinde ganz neu kennen zu lernen.

mehr

29.01.2019 / Glaube global

Was liebst du an deiner Gemeinde?

Eine Bibelarbeit von Hans-Joachim Eckstein über Epheser 4,15f.

mehr

21.06.2017 / Glaube + Denken

Einsamkeit erleben und bewältigen

Psychotherapeutin Dr. Voos über Hintergründe der Einsamkeit und wie man sie bewältigt.

mehr

17.11.2018 / ERF Plus spezial

Mitten in der Welt: Gemeinde zwischen Treue und Relevanz

Eine Ansprache von den „Gemeindetagen unter dem Wort“ in Lüdenscheid.

mehr

11.12.2017 / Calando

Gemeinde als Ort von Heimat

Gemeinde ist für Christina Schöffler Herausforderung und zugleich größter Segen.

mehr

07.03.2019 / ERF Plus spezial

Zwischen Tradition und Fortschritt

Über den Auftrag, die Gemeinde Jesu Christi verantwortungsvoll zwischen Tradition und Fortschritt zu navigieren.

mehr