23.11.2011 / Wort zum Tag

1. Mose 4,9

Soll ich meines Bruders Hüter sein?

1. Mose 4,9

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Vielleicht würden viele von uns auf diese Frage spontan antworten: Na klar, das ist doch selbstverständlich. Wie viele Bibelstellen gibt es, die uns auffordern: Achtet aufeinander, seid füreinander da, helft einander, lasst es nicht zu, dass jemand übersehen wird.

Das ist richtig, diese Aufforderungen stehen alle im Wort Gottes. Und sie haben ihre Geltung bis heute nicht verloren. Aber in unserem Bibelwort geht es gar nicht um die Verantwortung füreinander. In dieser Geschichte aus dem Alten Testament geht es um die Verantwortung, die Kain ganz allein für sich trägt. Dieser Aufgabe ist er nicht nachgekommen, sondern schuldig geworden. Soll ich meines Bruders Hüter sein? Kain benutzt diese Frage als Ausflucht, um sich aus seiner Verantwortung für sich selbst herauszureden. Dabei wird diese Frage sogar zu einer Anklage gegen Gott: Soll ich etwa meines Bruders Hüter sein?

Was ist geschehen? Die beiden Brüder haben Gott ihr Opfer gebracht, jeder von dem, was er geerntet hat. Und dann geschieht das Unglaubliche: Gott sieht das Opfer des Abel gnädig an, Kains Opfer lässt er links liegen.
Warum das? Ich höre immer wieder einmal die Meinung, dass Kain von Anfang an ein böser und falscher Mensch gewesen sei. Oder es heißt, an seinem Opfer sei etwas nicht in Ordnung gewesen. Doch unser Bibeltext sagt darüber nichts. Er lobt weder Abel und seine Gesinnung, noch macht er Kain einen Vorwurf oder unterstellt ihm Böses. Gott macht einfach diesen Unterschied!

Ungerecht, möchten wir schreien. So kann man das doch nicht machen, Gott darf das schon gar nicht. Wenn einer für Gerechtigkeit zu sorgen hat, dann doch wohl Gott. Ungerecht, das empfindet auch Kain. Zorn und Wut stauen sich in ihm auf und suchen ein Ventil für seinen Unmut. Anstatt aber mit Gott zu reden, lässt Kain seinen Bruder Abel den ganzen Hass spüren und bringt ihn um. Er lässt das Böse zu, lässt es in seinem Herzen und Leben Macht über sich gewinnen und natürlich wird er selbst dadurch auch zum Bösen verändert. So kann ich dann einordnen, wenn später der Apostel Johannes urteilt, Kain sei vom Bösen gewesen und wenn der Hebräerbrief sagt, Abel habe durch den Glauben ein besseres Opfer gebracht.

Gibt es nicht ähnliche Situationen wie in der Geschichte von Kain und Abel auch in unserem Alltag? Da gelingt einem Arbeitskollegen seine Arbeit stets perfekt, er ist der Liebling des Chefs. Ein anderer arbeitet genauso hart, doch kommt er nie aus dem Schatten des Erolgreichen heraus. Warum hat der eine immer die besseren Ideen und all seine Arbeit führt zum Erfolg und ein anderer geht leer aus?
Und wie ist es im Reich Gottes. Die eine Gemeinde blüht auf und wächst, scheinbar wie von selbst. Eine andere Gemeinde stagniert oder schrumpft gar und dabei beten die Gemeindeglieder genau so ehrlich und mühen sich so treu wie die, die der Erfolg so verwöhnt.
Ist das nicht ungerecht? - Ich hoffe doch, niemand von uns bringt deswegen einen anderen um. Aber wie sieht es in solch einer Lage in meinem Herzen aus? Dürfen sich Wut oder gar Hass breit machen gegen den, der Erfolg hat? Und wie reagiere ich auf diese Ungerechtigkeit, auf meine Zurücksetzung? Mit Unterstellungen und üblen Verdächtigungen gegen den Erfolgreichen? - Wie weit bin ich dann noch von Kain entfernt? Was mir dieses Bibelwort sagt, ist folgendes: Ganz egal, was mir geschieht, für meine Reaktionen bin ich selbst verantwortlich. Vor Gott allemal. Und ich kann Gott nur darum bitten, dass er mir die Weisheit und Kraft schenkt, Hüter über mich selbst zu sein. Hüter über mein Herz, über meine Gedanken, über meine Gesinnung und über meine Taten.
 

Autor/-in: Pastor Rolf Herrmann